Seelenvogel und Schmetterling

Freiheit

Es war einmal eine kleine Kinder-Seele. Sie hatte ganz schreckliche Dinge erlebt. Die kleine Seele hatte ihren Platz als Seelenvogel in dem Körper eines kleinen Mädchens gefunden.
Gerne wäre der kleine Seelenvogel mit dem kleinen Mädchen hinaus in die Welt geflogen, hätte Abenteuer erlebt, die Welt entdeckt.
Doch es kam anders als sich das die kleine Seele gedacht hatte.
Das kleine Mädchen hatte Eltern, die anders waren als andere Eltern. Sie sprachen von Liebe und lebten etwas anderes.
Sie nannten es Liebe, aber es war besitzen, beherrschen. Das kleine Mädchen, war so klein und zart verstand nicht was geschah.
Vater und Mutter waren mal freundlich und zugewandt und im nächsten Moment, grob und böse. Sie ließen das kleine Mädchen alleine, schlossen es ein, fügten ihr Gewalt zu.
Niemand half dem kleinen Mädchen und der kleine Seelenvogel versuchte das kleine Mädchen zu trösten. Es flog in Gedanken und in der Phantasie weit weg, dort wo es sicher war, wo es keine Gewalt gab, wo es keinen Schmerz gab. Lange konnten sie nie weg bleiben, denn die Gewalt der Eltern holte das kleine Mädchen immer wieder in die Realität zurück.

Das kleine Mädchen nutze jede Minute um mit dem Seelenvogel davon zu fliegen, zu fliehen.
Es spürte ihren Körper nicht mehr, die Schmerzen, das Grauen, alles war weit weit weg. Immer höher und höher flog sie mit dem Seelenvogel, eigentlich wollte sie gar nicht mehr zurück.

Das kleine Mädchen wurde größer, aber es wollte kein kleines Mädchen sein.
Es wollte ein Junge sein, cool und stark!
Sie tat alles dafür, wie ein Junge zu sein, cool und stark und nicht klein, niedlich, zierlich – kein Püppchen, sondern ein starker Ritter. Sie spielte mit Autos, baute sich Schwerter, zog ins Abenteuer mit Freunden.
Es war ein Stück Freiheit für das kleine Mädchen und den Seelenvogel. Aber am Abend, war es aus mit cool und stark. Da war sie das kleine Mädchen, hilflos, schwach, ausgeliefert.Niemand der ihr half.
Auch der Seelenvogel konnte ihr nicht helfen, denn er war genauso erschrocken darüber was geschah.
Er versuchte das kleine Mädchen hinaus in die Phantasie zu tragen und für eine gewisse Zeit funktionierte es auch, aber dann war die Realität wieder stärker und beide kehrten zurück in die Dunkelheit des Zimmers, den schmerzenden Körper, zurück in die Verzweiflung und die Hilflosigkeit.
Der Seelenvogel gab sich so viel Mühe wie er konnte um dem kleinen Mädchen zu helfen, aber es wurde immer schwieriger mit ihr davon zu fliegen, denn die Macht und die Verzweiflung wurden immer größer, je größer das kleine Mädchen wurde.
Es kam eine Zeit, da wollte das kleine Mädchen – inzwischen schon gar nicht mehr so klein- nicht mehr.
Es wehrte sich immer mehr, ein Mädchen zu sein, sah aus wie ein Junge, trug Jungenkleider, spielte wie ein Junge, aber sie war kein Junge.
Das kleine Mädchen liebte ihren Seelenvogel und entschied sich irgendwann wenigstens ihn zu beschützen, vor der Gewalt. Sie hatte Angst mit ihm davon zu fliegen und ihn zu verlieren.
Zu verlieren was ihr blieb – ihre Seele.
Und so schloss das kleine Mädchen den Seelenvogel tief in ihrem Herzen ein, um ihn zu schützen, die Seele wollte sie sich bewahren, wenn sie schon alles andere verlor.
Und so kam es, dass der Seelenvogel nicht mehr fliegen konnte.
Er saß tief im Herzen des kleinen Mädchens und musste zusehen was geschah, wie das kleine Mädchen verletzt wurde.
Er konnte nichts tun. Er versuchte immer wieder zu trösten, mit lauten Rufen, dem Mädchen zu helfen, doch das Mädchen hielt sich die Ohren zu, wollte nicht mehr hören. Manchmal gelang es dem Seelenvogel bis zu ihr durch zu kommen, sie auf den Weg zu schicken, sich Hilfe zu holen, doch niemand half ihr und so gab auch der Seelenvogel auf.

Vielen Jahre sind vergangen, der Seelenvogel wurde immer stiller in seinem „Gefängnis“. Er konnte schon langen nicht mehr fliegen, träumte von der weiten Welt und war traurig, denn er hatte das kleine Mädchen verloren, es war nicht mehr da.
Immer wieder versuchte der Seelenvogel aus dem Herzen des Mädchens zu kommen, wieder frei zu sein, aber das Herz war fest umschlossen, zugemauert, verwachsen, hart und kalt und er mitten drin.
Aber aufgeben wollte der Seelenvogel nicht und so hoffte er, dass er irgendwann gefunden wird.
In seiner Verzweiflung richtete sich der Seelenvogel einen kleinen Garten in dem Herzen des Mädchens ein, mit vielen Pflanzen und Blumen, einem Brunnen und Bänken zum Verweilen, damit das kleine Mädchen, wenn sie ihn findet einen schönen Platz hat.
Über viele Jahre saß er da und wartete und hoffte.

Hesperidengarten Nürnberg

Das kleine Mädchen war inzwischen groß geworden, aber er spürte es nicht mehr und sie hatte ihn so gut wie vergessen.
Nur in den Träumen konnte er noch mit dem kleinen Mädchen sprechen und das macht beiden furchtbare Angst.
Irgendwann spürte das kleine große Mädchen, dass da etwas tief in ihr drin war, was raus wollte.
Immer mehr und immer stärker wurde dieses Gefühl und es machte sich auf den Weg, auf die Suche.
Das kleine große Mädchen war inzwischen Erwachsenen geworden und hatte einen neuen Freund, eine Ersatzseele – einen Traum.
Den Traum zu fliegen, in den Himmel in die Freiheit.

Der Traum hatte die Gestalt eines Schmetterlings, der dankbar dafür war, Flügel zu haben.
Aufgeregt flog er immer hin und her und auch er hörte immer wieder diese Stimme von weit, weit her.
Gemeinsam mit dem Mädchen machte sich der Schmetterling auf die Suche, beide wussten nicht so recht was sie suchen sollten und das Mädchen war auch kein Mädchen. Es wusste selber nicht mehr was sie war, spürte sich nicht, wollte cool und stark sein.

Es war der Schmetterling der ihr immer wieder sagte. „Du bist ein Mädchen, eine Frau, du hast auch eine weiche, zarte Seite und die ist wichtig.“ Das Mädchen wollte dieses Gerede nicht hören und schickte den Schmetterling weg, sie wollte mit ihm nichts zu tun haben.
Und so ging der Schmetterling allein auf die Suche.
Er legte weite Strecken zurück, tief in das Mädchen hinein.

Er kam an eine dicke zugewachsene Mauer und fragte sich, was wohl dahinter verborgen sein mag.
Also machte er sich auf die Suche nach einem Loch, einer Ritze, eine Spalt durch den er schlüpfen könnte.
Er klopfte und rief, ob da jemand drin sei. Irgendwann hörte er ein kleines piepsen, ganz leise.
Er rief: “Du musst ein Loch in die Mauer kratzen, sonst kann ich dir nicht helfen.“
Das „Etwas“ da drin sagte, es geht nicht und der Schmetterling sagte immer wieder und doch, du kratzt von innen und ich von außen und dann werden wir uns irgendwann treffen.
Du schaffst das, du musst nur wollen!
Und der Seelenvogel wollte, er erinnerte sich an seine Freiheit das kleine Mädchen, die Liebe.
Er kratze von Innen der Schmetterling von außen und irgendwann war der Spalt so groß, dass der Schmetterling hindurch kam.
Er flog hinein zu dem Seelenvogel, der traurig und verzweifelt da drinnen saß.
Er hatte fast aufgegeben.
Der Schmetterling machte ihm Mut, mit ihm hinaus zu kommen, mit ihm davon zu fliegen, doch der Vogel hatte Angst, große Angst.
Der Schmetterling redete sich den Mund fusselig, machte ihm Mut, gab ihm Zuversicht, aber der Vogel wollte den Garten den er angelegt hatte nicht verlassen.
So entschieden die beiden, zumindest die Mauer drum herum ab zutragen, so dass das kleine große Mädchen in den Garten kommen kann, zumindest so lange, bis der Seelenvogel wieder Kraft und Mut hat, die Angst weniger ist und er mit ihr und dem Schmetterling davon fliegen kann.

Der Seelenvogel war sehr schwach, verängstigt und klein. Es dauerte eine ganze Zeit, bis er wieder fliegen konnte, aber das war nicht wichtig, denn er hatte das kleine große Mädchen wieder gefunden, dass er nie vergessen hat.

Heute fliegen der Seelenvogel der Schmetterling und das kleine, große Mädchen, die inzwischen eine Frau geworden ist, gemeinsam durch Raum und Zeit und genießen ihr sein.

Seelenvogel fliegt - Amrum

(Geschrieben von: Serafin alle Rechte an diesem Text wurden an Viva la Eat! Kerstin Biß übergeben)